„berührt bleiben“
Das Geheimnis der (Hoch-) Sensibilität
Zehn Fragen an Prof. Dr. Sven Sohr, Autor des Buches „berührt bleiben“, welches im Spät-Sommer 2024 im Schweizer Mosaicstones-Verlag erschien.
- Wie bist Du eigentlich auf dieses Thema gekommen?
Vor vier Jahren beschwerte sich eine Psychologie-Professorin heftig, weil eine Studentin bei ihr eine Bachelorarbeit über „Hochsensibilität“ schreiben wollte. Die Kollegin fluchte, das sei kein wissenschaftliches Thema für die Psychologie. Komisch, dachte ich, ist sie nicht die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten? Kurz darauf kam die Studentin zu mir — und schrieb eine hervorragende Arbeit. Dabei konnte ich selbst einiges über das Thema lernen und mir wurde bewusst, dass ich auch ziemlich hochsensibel bin. So entstand die Idee einer Studie, die ich mit einem 12-köpfigen Team aus Psychologen und Life Coaches durchführte.
- Wie ist Euer Buch aufgebaut?
Die 300 Seiten erstrecken sich über drei Drittel: Im ersten Drittel geht es um einen Rückblick der bisherigen Forschung. Im zweiten Drittel geben wir Einblicke in unsere eigene „Sensor-Studie“, quasi das innovative Herzstück. Und im letzten Drittel gibt es noch einige vertiefte Ausblicke unserer Autorinnen und Autoren.
- Was wissen wir aus der bisherigen Forschung über Hochsensibilität?
Seit die amerikanische Professorin Elaine Aron am Ende des 20. Jahrhunderts diese Persönlichkeitseigenschaft wiederentdeckte, die sicherlich so alt wie die Menschheit ist, gab es zwar viele populärwissenschaftliche Publikationen, doch nur wenig Forschung. Dabei wird Hochsensibilität vor allem über physiologische Empfindsamkeiten definiert. Angeblich sind 20% aller Menschen hochsensibel, meist weiblich. Ursachen werden genetisch oder in einer schwierigen Kindheit vermutet. So ist es kein Wunder, dass Hochsensible als psychisch labil gelten.
- Um welche Fragen ging es in Eurer Studie?
Ausgehend von der Beobachtung, dass es möglicherweise viel mehr Sonnen- als Schattenseiten bei Hochsensiblen gibt, hinterfragten wir einige Grundannahmen, wie z.B. den hohen Prozentsatz der angeblich Betroffenen und die pathologische Sichtweise auf die Zielgruppe. Uns interessierten auch psychische Dimensionen, wie z.B. Spiritualität und Weltschmerz. Um nicht nur oberflächliche Ergebnisse zu bekommen, wie sie bei statistischen Befragungen üblich sind, haben wir nicht nur Fragebogen eingesetzt, sondern auch Tiefen-Interviews durchgeführt und hochsensible Menschen eingeladen, fast ein Jahr lang Tagebuch zu schreiben. Auch wenn wir keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben, können wir mit unserem Ansatz erstmals ein sehr komplexes Bild von Hochsensiblen zeichnen.
- Was sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie bezüglich Gesundheit?
Wir können klar belegen, dass die hochsensiblen Teilnehmerinnen und Teilnehmer unserer Studie nicht nur tendenziell mindestens genauso gesund wie der Rest der Bevölkerung sind, sondern in manchen Feldern sogar weit über dem Durchschnitt liegen, insbesondere bei der Eigenschaft „Liebesfähigkeit“ als eine grundlegende Dimension der psychischen Gesundheit. Auch wenn es sich vielleicht nicht immer um Eigenschaften handelt, die in unserer Gesellschaft geachtet sind, sollten wir beachten, dass Hochsensible sich häufig in Berufen engagieren, in denen soziale Kompetenzen wie Empathie, Kommunikation oder auch Kreativität gefragt sind.
- Was sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie bezüglich Spiritualität?
Die Befunde zur Spiritualität sind vielfältig und überzeugend zugleich. Aufgrund der bisherigen Literatur konnten wir zwar grundsätzlich davon ausgehen, dass es positive Zusammenhänge zwischen Hochsensibilität und Spiritualität gibt, jedoch nicht, dass die beiden Erlebniswelten so stark zusammenhängen. Obwohl unsere Stichprobe jenseits der Hochsensibilität bezüglich Persönlichkeiten oder Alter relativ heterogen ist, offenbarten sich alle Befragten als prinzipiell spirituell – tendenziell sogar „je sensibler, desto spiritueller“, wobei sich hier auch wieder unterschiedliche Spielarten zeigen, z.B. buddhistischer oder christlicher Natur. In einem ganzheitlichen Verständnis, das alle unsere sieben Sinne umfasst, lässt sich Sensibilität als „Empfänglichkeit“ definieren. So gesehen handelt es sich bei dieser Fähigkeit nicht um das Privileg einer Minderheit. Vielmehr wurden wir alle als hochsensible Babys mit dieser besonderen Gabe quasi als göttliches Geschenk geboren. Leider verlieren wir die natürliche Sensibilität oft, wenn wir erwachsen werden. Dabei können Erziehung und Sozialisation fatal wirken, wie die NS-Zeit zeigt. Die gute Nachricht ist, dass wir wieder sensibler werden können, falls uns dieser Verlust als Verlust bewusst wird, was im digitalen Zeitalter schwierig ist.
- Was sind die wichtigsten Ergebnisse der Studie bezüglich Weltschmerz?
Weltschmerz gilt als ein melancholisches Gefühl, wenn wir unsere Welt von heute mit offenen Augen betrachten. In unserer Studie artikulierte sich dieses Gefühl insbesondere bei den Themen Krieg, Klimakatastrophe und Mitgefühl mit Tieren. Es ist sehr auffällig, dass sich sensible Menschen über solche Fragen wesentlich mehr Gedanken machen als andere. So neigen sie eher selten zu Gleichgültigkeit. Dennoch gab es auch unter den Hochsensiblen unterschiedliche Wege im Umgang mit Weltschmerz, die Coping-Strategien reichen von Umgehen bis Aushalten und Angehen. Hier zeigte sich, dass gerade diejenigen, die den letztgenannten Weg wählten, indem sie sich z.B. politisch engagierten, die besten Gesundheitswerte aufwiesen. Es gibt auch andere alternative Verhaltensweisen, z.B. ernähren sich 90% von den hochsensiblen Befragten vegetarisch — in der Bevölkerung nur 10%. Auch hier leben Hochsensible sehr verantwortungsbewusst und bleiben berührt.
- Gibt es eine gesellschaftliche Take-Home-Message?
Der Zeitgeist ist paradox: Obwohl unsere Gesellschaften viel mehr Sensibilität brauchen, um langfristig überleben zu können, werden vielerorts ausgerechnet die Sensiblen pathologisiert. Wie gehen wir z.B. mit den Menschen um, die uns den Spiegel vorhalten, während wir mit Vollgas in die Klima-Katastrophe rasen? Hochsensible gelten wahlweise als Mimosen, Weicheier oder Warmduscher, die sich zu viel zu Herzen nehmen. Dabei waren gerade sensible Menschen oft als Seismographen und Changemaker wertvoll: Mutter Teresa, Gandhi, Luther-King oder Mandela. Und der sensibelste Mensch auf Erden war wahrscheinlich Jesus. Die Ausbildung von Sensibilität sollte ein Bildungsziel unserer Gesellschaft sein.
- Verrätst Du uns noch ein Ergebnis aus dem letzten Drittel des Buches?
Im Ausblick gibt es zehn Beiträge, die ich alle empfehlen kann, z.B. Fragen von Ästhetik, Naturerleben oder Partnerschaft und Sexualität von Hochsensiblen. Besonders beindruckend sind die wissenschaftlichen Befunde der KI „ChatGPT“ zum Thema. Danach könnte unsere Gesellschaft revolutionär davon profitieren, würde sie ihren sensiblen Mitgliedern mehr Gehör schenken.
- Wie geht‘s weiter?
Im Herbst 2024 stellen wir „berührt bleiben“ auf einer Lesereise an sieben Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zur Diskussion. Wir sind schon gespannt auf die Resonanz.
Weitere Infos zu Buch & Lesungen siehe www.professor-sensor.de!
